Geschichtsverein Eisenach e.V. © zuletzt geändert am :  13.06.2017 / 14:38 Uhr   | Impressum

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In den wirtschaftlich schlechten Zeiten der 20er Jahre hatten die Wirtshausbesitzer Mühe, die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich zu lenken. Aber diese Völkerschau sollte nicht einfach nur als Attraktion einem kommerziellen Zweck dienen. Max Bohl hatte viele Jahre bis zum 1. Weltkrieg im heutigen Tansania gelebt. Diese Schau war für ihn eine Möglichkeit, sich den Eisenachern als weltgewandt im Umgang mit Fremden darzustellen. Sein Traum, wieder nach Afrika zurück zu kehren, ließ sich nicht verwirklichen. "Wenn ich nicht mehr nach Afrika kann, dann kommen eben die Afrikaner zu mir", soll er gesagt haben.


Ein Artikel in der Eisenacher Zeitung vom 14. Mai 1927 berichtet von den Mühen, unter denen man die afrikanischen Stämme aus Afrika nach Eisenach gebracht hätte. Das viele Darsteller in Berlin wohnten, das ja bekanntlich nicht in Afrika liegt, stand dort nicht geschrieben. Dagegen wurde ausführlich ein Rundgang durch das Dorf geschildert, das hinter einem hohen Bretterzaun die Illusion einer wahrheitsgetreu nachgebauten fremden Welt glaubhaft machen sollte. Keiner der Artikel in den damaligen Zeitungen war offen feindselig oder rassistisch. Aber auch in Eisenach griff man gern auf stereotype Menschenbilder von Orientalen und Afrikanern im Baströckchen zurück, um die Erwartungshaltung der Besucher zu erfüllen, die geprägt war durch frühere Völkerschauen, Fotos, Bilder und Abenteuerromane. Dem Publikum wurden typische einstudierte Zirkusdarbietungen wie z. B. tanzende und heulende Derwische, unverwundbare Fakire, Gaukler, Zauberer, Schwertkämpfer, Feuerfresser, Wahrsager, Haremsdamen und Bauchtänzerinnen geboten.


In keinem Fall hatte ein Berichterstatter mit Schaumitgliedern selber gesprochen und sie nach ihren Biographien und ihrem Eindruck über Eisenach gefragt. Sie hatten es hinzunehmen, dass über sie gesprochen und geschrieben wurde und nicht mit ihnen. Der Fremde wurde so zur Projektionsfläche. Man hatte zwar bemerkt, dass einige der Schaumitglieder erstaunlich gut deutsch sprächen. Dies wurde aber mit der sehr guten Anpassungsfähigkeit der kolonialisierten Völker erklärt.


Durch diese Vielzahl von Veranstaltungen zu kolonialen Themen kamen 1930 Pläne zum Bau eines Reichskolonialehrenhains in der Ludwigsklamm zustande. Gegenüber der Wartburg sollte ein "schlichtes weit sichtbares Mahnmal in Stein" errichtet werden. Die Eisenacher hatten dafür sehr schnell den Spitznamen "Klobürste" bereit. Über dieses Denkmal wurde sehr viel diskutiert und die Pläne schließlich aufgegeben.


Im Sommer 2012 wird voraussichtlich ein Heft zu diesem Thema in der Reihe thüringer Volkskunde erscheinen. Die Nachforschungen sind aber noch längst nicht abgeschlossen. Material und weiterführende Hinweise werden gern entgegengenommen.


Die Auseinandersetzung mit der kolonialen Geschichte ist auch eine Möglichkeit uns selbst einen Spiegel vorzuhalten und unsere "Fremdenbilder" kritisch zu reflektieren. Stereotype und Vorurteile sind zäh, so Dr. Stückrad. Der Andere wird erst zum Anderen gemacht durch unser Hinschauen, Betrachten und Über-ihn-reden. Nicht das Bild, was wir uns über den Anderen machen, sollte unsere Begegnung bestimmen, sondern das Interesse an den individuellen Geschichten, ihrer historischen Bedingtheit und unserer globalen Verantwortung füreinander.


Sabine Wagner, Helga Stange

Republik Arabia im Johannistal - Einblicke in das koloniale Eisenach,

Vortrag von Frau Dr. Stückrad




Di 10.04.2012 18:30

Republik Arabia im Johannistal - Einblicke in das koloniale Eisenach

Vortrag Frau Dr. Stückrad

so lautete das Thema der jüngsten Veranstaltung des Eisenacher Geschichtsvereins. Referentin war die Ethnologin, Frau Dr. Stückrad, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Volkskunde und Kulturgeschichte in Jena. Ausgehend von der Kolonial- und Völkerschau 1927 im Johannistal wurde Eisenach aus der kolonialen Perspektive heraus betrachte. Im Zuge ihrer Recherchen zu diesem Spektakel offenbarte sich Eisenach als Bühne zahlreicher kolonialer Aktivitäten. Viele Veranstaltungen wie Tagungen und Vorträge hatte der Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach auf sein Vorzeigeobjekt, die Wartburg verlegt. So fanden auch die Kolonialausstellungen 1901 und 1925 nicht in der eher klassisch geprägten Residenzstadt Weimar statt, sondern in der Nebenresidenz Eisenach.


Diese noch nicht ausführlich beleuchtete Seite der Stadtgeschichte erzählt auch von der globalen Verflechtung lokaler Akteure. Der gelernte Kaufmann Max Bohl aus Eisenach präsentierte als Besitzer des Ausflugslokals "Waldschänke" im Mai 1927 eine "Kolonial- und Völkerschau" im Johannistal.