Geschichtsverein Eisenach e.V. © zuletzt geändert am :  13.06.2017 / 14:38 Uhr   | Impressum

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Christian Franz Paullini, der 1643 in Eisenach geboren wurde, war ein ungewöhnlich vielseitig begabter Mann. Nach dem Medizinstudium hatte er schnell den Ruf eines guten praktischen Arztes erworben. Fürstbischöflicher Leibarzt, kaiserlich gekrönter Poet, Übersetzer, Historiograph des Reichsklosters Corvey bei Höxter und Landmedicus waren seine Lebensstationen.

Im Jahre 1685 kehrte er nach Eisenach (Nonnengasse 1) zurück, wo er den Posten eines "Herzoglichen Stadtphysicus" annahm. Hier hat er seine berühmte "Dreckapotheke" geschrieben - die umfassendste Sammlung von Kot- und Urinrezepten in der Medizingeschichte. Eine weitere Schrift beschäftigte sich mit frühen (eher rabiaten) Massagetechniken, mit denen u. a. die "Gichthexe" aus dem Körper getrieben werden sollte.

In Eisenach war er Betreuer des Waisenhauses und setzte sich aktiv für eine höhere Schule für mittellose junge Männer sowie eine Armenapotheke ein.

Beachtenswert ist auch sein früh-aufklärerischer Einsatz für Glaubensfreiheit. Unter der Überschrift: "ein Landesherr darf nicht die Religion seiner Untertanen bestimmen" forderte er, mehrere Religionen in einem Land zu dulden.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen befürwortete er mit der größten Selbstverständlichkeit das akademische Studium für Frauen. Aus seiner Feder stammen viele Liebesgedichte. Er blieb aber sein ganzes Leben unverheiratet.

Im Jahr 1712 - also vor 300 Jahren - starb er in Eisenach. Seine Grabplatte mit lobenden Worten über sein Leben befindet sich an der Kreuzkirche.

Ca. 130 Jahre nach seinem Tod, wurde nach und nach offenbar, dass mehrere historische Werke Paullinis zweifelsfrei auf Fälschungen beruhen und sein Name kam in Verruf.


Um Paullini gerecht zu werden, muss man ihn aus seiner Zeit heraus verstehen. Im ausgehenden Barock war die Übertreibung nicht nur in Architektur und Malerei sondern auch in der Literatur das vorherrschende Prinzip. Große Mode war die Kombination, das Zusammenschreiben, die Mitteilung von Ausgefallenem, Grotesken und übertriebenen Geschichten. Paullini hat viel kombiniert - viel zusammengeschrieben - aber auch viel gefälscht.

Fälschungen waren im Barock nichts Ungewöhnliches. In einer Zeit des eifrigen Sammelns und des Beschaffens von Urkunden nach den Wirren des 30-jährigen Krieges suchten viele Adelsfamilien oder etwa Klöster nach ihren Wurzeln, ihrer Abstammung, um daraus evtl. Rechtsansprüche begründen zu können.


Paullini hatte anfangs sehr geschickt anonyme Histörchen durch Hinzufügen von Namen und Orten in glaubwürdige historische Begebenheiten verwandelt. Später legte er dann vermutlich aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, unbemerkt von seinen Zeitgenossen, Fälschungen in größerem Stil vor. Selbst der große G. W. Leibniz hatte nichtsahnend Schriften von Paullini in eine Sammlung alter Urkunden aufgenommen und herausgegeben, so Prof. Horstmann. Erst im 19. Jhd fielen Unstimmigkeiten bei den Namen von Personen auf, über die Paullini geschrieben hatte. Paullinis Analen verwenden nämlich schon für das 9. Jhd. Familiennamen, was angesichts der frühmittelalterlichen Einnamigkeit völlig unmöglich ist. Auch gibt er Ortsnamen an, die so noch nicht in Gebrauch waren. Misstrauisch geworden setzte nun eine systematische Suche nach Fälschungen ein.


Helga Stange

Christian Franz Paullini - Arzt, Dichter, Historiker und Fälscher (1643 - 1712)

Vortrag von Prof. Dr. Hubert Horstmann




Di 11.09.2012 18:30

Christian Franz Paullini - Arzt, Dichter, Historiker und Fälscher (1643 - 1712)

Vortrag von Prof. Dr. Hubert Horstmann

Um einen geschickten Fälscher ging es im Vortrag von Prof. Dr. Hubert Horstmann aus Mosbach im neuen Domizil des Geschichtsvereins, der Aula der Jakobschule. "Christian Franz Paullini - Arzt, Dichter, Historiker und Fälscher" ist der Titel seines neuen Romans, in dem er die Biographie dieser schillernden Persönlichkeit des Barock verarbeitet.


Durch diese unterhaltsame Art der Wissensvermittlung gelinge es ihm, Geschichte für einen großen Kreis interessant zu machen, wie Dr. Brunner, Vorsitzender des Geschichtsvereins, am Ende des Abends resümierte.